Eisenbahndiplomatie - Deutscher Botschafter bricht Geschwindigkeitsrekord (07.06.2007)

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Botschafter Neubert im ICE 3 (8.3.2007) - Foto: © Deutsche Botschaft Paris

Nach langjähriger politischer und technischer Vorarbeit kommt der deutsch-französische Eisenbahnhochgeschwindigkeitsverkehr seiner Realisierung näher. Am 8. März 2007 fuhr erstmals ein an die französischen Bedingungen angepasster deutscher Hochgeschwindigkeitszug ICE 3 M F auf Gleis 7 in den Pariser Ostbahnhof ein, mitten im Herzland des TGV (Train à Grande Vitesse). Der deutsche Hochgeschwindigkeitszug war mit zahlreichen Testkabeln, Ballastgewichten und Messelektronik ausgestattet. Um 07.25 Uhr begrüßte das Vorstandsmitglied der Deutschen Bahn AG Roland Heinisch und die Testmannschaft Botschafter Neubert herzlich an Bord des ICE. Wie ein ganz gewöhnlicher Zug fuhr der ICE 3 zunächst einmal aus dem Pariser Vorortschienengewirr auf der traditionellen Strecke hinaus. Auf der Höhe des Bahnhofs Vaires-sur-Marne schwenkte der Zug auf die neue, noch nicht eingeweihte, 301,4 km lange Hochgeschwindigkeitstrasse Paris – Baudrecourt ein. Da der ICE 3 an diesem Morgen auf dieser Strecke das erste Fahrzeug war, musste er zunächst bei einer Geschwindigkeit von langsamen 160 km/h die Funktion des täglichen „Ausputzzuges“ übernehmen. Man erzählte uns, dass sich noch am Vorabend ein Wildschwein in den wie ein Hochsicherheitstrakt abgeschirmten Trassenbereich der Hochgeschwindigkeitsstrecke verirrt hatte. Das Problem sollen Jäger aus dem Nachbarort gelöst haben. Nach ca. 150 km hielt der Zug mitten in der Champagne, die sich bei strahlendem Sonnewetter mit ihren weiten Getreide- und Zuckerübenfeldern in den schönsten Farben zeigte.

Weiter durften wir nicht fahren, da die andere Hälfte der Neubaustrecke für den Schienenhochgeschwindigkeitsweltrekord der SNCF vorbereitet wurde. Dort hatte der frz. TGV am 13. Februar 2007 bereits 553 km/h erreicht. Nun sollte ein auf „Formel 1 getunter“ TGV für weitere Geschwindigkeitsrekorde hergerichtet werden.

Die gesamte 15-köpfige Mannschaft lief durch den 200m-langen ICE 3 vorbei an in Plastik eingepackten, sehr bequem aussehenden Sitzen zum gegenüberliegenden Kopfende des ICE 3, um auf der selben Strecke zurück Richtung Paris zu fahren.

Ganz diskret forderte der zweisprachige SNCF-Cheflokomotivführer und Ausbilder, Georges Pinquié, Botschafter Neubert auf, sich an den Fahrstand des hochmodern ausgerüsteten ICE 3 zu setzten. Links neben ihm nahm DB-Technikvorstand, Roland Heinisch, Platz. Nach kurzer mündlicher Einweisung wurde der Fahrschüler Neubert aufgefordert, loszufahren. Hochkonzentriert und fast professionell brachte er den 200 m langen 422 Plätze umfassenden Zug in Bewegung. Fast unbemerkt beschleunigte der Zug. Als er nahezu 300 km/h Fahrtgeschwindigkeit aufgenommen hatte, galt es nunmehr, den Zug auf die zugelassene Höchstgeschwindigkeit zu bringen und so einen Mess- und Kontrollpunkt am Rand der Trasse zu passieren. Auf einer ca. 5 km-langen, leicht abschüssigen Strecke erreichte der Lokomotivführer Neubert die Spitzengeschwindigkeit von 323 km/h. Damit dürfte er zumindest den Rekord als schnellster terrestrischer Deutscher Botschafter aufgestellt haben. Die Fahrt ging teilweise entlang der Autobahn. Auch Fahrzeuge der bekannten deutschen Marken schienen auf freier Strecke im Schneckentempo zu kriechen gegenüber dem geräuschlos dahinfliegenden ICE.

Nebenbei erläuterten uns die Ingenieure, dass man bei dieser Geschwindigkeit für eine Komfortbremsung eine Gleislänge von ca. 7 km bräuchte. Für eine Schnellbremsung einschließlich Aktivierung der kontaktfreien Wirbelstrombremse seien immerhin noch zwischen 2 und 3 km erforderlich. Bei einer solchen Bremsung würden aber sicher alle Tassen und Koffer durch die Gegend fliegen.

Der tägliche im Ostbahnhof Paris einlaufende ICE 3 wird „in der Praxis“ ein weiterer Quantensprung in der deutsch-französischen Zusammenarbeit sein, erlebbar für Tausende von Reisenden aus aller Herren Länder.

Ab 10. Juni wird Paris von Frankfurt nur noch 4 Stunden und 11 Minuten (bisher 6 Std. 20 Minuten) und Paris von Stuttgart nur 3 Std. 39 Minuten (bisher 6 Std. 6 Minuten) entfernt sein. Damit rücken diese Städte erheblich näher an Paris heran, genauso wie es der Eurostar geschafft hat, London und Paris zusammenzuführen. Das ist auch die überragende Bedeutung dieses Projekts:

- Mit Reisezeiten um oder unter vier Stunden von Stadtzentrum zu Stadtzentrum wird die Bahn zum Flugzeug wirklich konkurrenzfähig.

- Gleichzeitig beginnt eine „Renaissance“ der Bahn, die völlig neue Trumpfkarten ausspielen kann mit ihren unausgeschöpften Kapazitätspotentialen, angesichts einer zusehends untragbaren Verkehrsdichte in der Luft und auf der Strasse, die nicht nach Belieben verringert werden können.

- Und schließlich bringt die Bahn auf Strecken von 400 – 800 km ein Maß an Bequemlichkeit, das der Luftverkehr schon lange nicht mehr bietet, und dies auch noch relativ umweltfreundlich.

Peter von Wesendonk
Botschaft Paris

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