Familienpolitik in Frankreich - Dokumente 1/2007

Geteilte Verantwortung - Französische Familienpolitik als Best Practice?

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von Mechthild Veil

Für das Jahr 2006 weist Frankreich eine neue Rekord-Geburtenrate von 2,07 Kindern pro Frau auf und damit die höchste Geburtenrate in der EU. Worin liegt die französische Besonderheit? Zum einen in einer expliziten und institutionell gut ausgebauten Familienpolitik mit wirkungs-mächtigen Instrumenten, wie einer nationalen Familienkasse und jährlichen Familien-konferenzen aller Akteure; zum anderen in der langen Tradition öffentlich unterstützter Einrich-tungen zur Kinderbetreuung (Krippen und Vorschulen) und in den Ganztagsschulen. Zusammen mit den Ländern Skandinaviens wird Frankreich deshalb als das EU-Mitgliedsland bezeichnet, das sich am stärksten familienpolitisch engagiert. Familie wird in Frankreich nicht als Privat-sache, sondern als eine durch und durch öffentliche Angelegenheit betrachtet, die intensive staatliche Interventionen rechtfertigt.

In dieser Hinsicht gilt französische Familienpolitik als vorbildhaft und als Best Practice für familienpolitische Nachholbewegungen in Deutschland. Es liegt also nahe, die auf vielfältige Weise mit der Beschäftigungspolitik verknüpfte französische Familienpolitik mit Modernität und Geschlechterdemokratie gleichzusetzen. Die gesellschaftspolitische Konzeption von Familie speist sich in Frankreich aus zwei verschiedenen, jedoch teilweise miteinander verknüpften Entwicklungen: eine bevölkerungspolitische oder besser natalistische familienpolitische Aus-richtung und ein sozialkatholisch geprägter patronaler Familialismus. Französische Familien-politik hat für ihre Hilfen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in Deutschland einen guten Ruf. Neben direkten, monetären Leistungen an Familien (Kindergeld, Wohnungsbeihilfen und anderen Beihilfen) sowie den familienpolitischen Leistungen in der Rentenversicherung und im Steuerrecht ist es insbesondere die Förderung einer kinderfreundlichen Infrastruktur, die den familienpolitischen Vorsprung Frankreichs ausmacht.

Die französische Familienpolitik weist jedoch auch einige Ambivalenzen auf. Angesichts der jüngsten Reformen stellt sich die Frage, ob der Weg der Vereinbarkeit von Kind und Karriere und das republikanische Modell der erwerbstätigen Mutter beibehalten werden oder ob die Neuerungen nicht vielmehr traditionelle Leitbilder reaktivieren.
Mehrere Entwicklungen hatten die Regierung dazu veranlasst, die zahlreichen und wenig kohärenten staatlichen Hilfen in der Kleinkindbetreuung neu auszurichten. Seit den 1990er Jahren ist zu beobachten, dass Reformen ganz unterschiedliche Richtungen einschlagen, ohne tatsächlich grundlegende Probleme lösen zu können. 2004 kam es zur jüngsten familien-politischen Umorientierung: der Bündelung aller Leistungen und Hilfen zur Kleinkindbetreuung in einem Gesetz (‘Prestation d’accueil du jeune enfant’, PAJE), um die Geburtenraten und auch die Erwerbsquoten von Frauen für die langfristige Finanzierbarkeit der Renten bis 2020 zu steigern. Als weitere Ziele wurden benannt: Betriebe stärker familienpolitisch zu beteiligen, den beruf-lichen Status der Tagesmütter aufzuwerten und auch Familien mit einem oder ab dem ersten Kind zu fördern. Viele der Ziele haben sich bis heute durchsetzen können:

  • PAJE hat die Politik des 3. Kindes aufgegeben und fördert Familien bereits ab dem ersten Kind.
  • Das Förderspektrum in der Kleinkindbetreuung ist erweitert und eine größere Diversifizie-rung durchgesetzt worden.
  • Unterstützt werden weiterhin Zwei-Verdiener-Haushalte, allerdings mit einer deutlichen Verschiebung zugunsten privat organisierter Betreuung statt einer Betreuung in Krippen.
  • Neu ist die besondere Förderung zur Reduzierung (Teilzeitarbeit) oder Aufgabe einer Er-werbsarbeit.
  • Die Orientierung "Familienpolitik im Dienste der Arbeitsmarktpolitik" wird in mehrfacher Hinsicht unterstützt: durch Anreize zur Einstellung von Tagesmüttern sowie durch Reduzierung des Arbeitskräfteangebots von Müttern.
  • PAJE leitet eine betriebliche Familienpolitik ein. Seit 2004 wird die Gründung von Be-triebskindergärten durch steuerliche Erleichterungen und finanzielle Zuwendungen unterstützt.

Ob tatsächlich eine größere Wahlfreiheit für Eltern geschaffen wird, kann derzeit noch schwer beantwortet werden. Werden jedoch Errungenschaften des republikanischen Modells mit dem Leitbild der erwerbstätigen Mutter als Maßstab zugrunde gelegt, dann lässt der Slogan „mehr Wahlfreiheit“ aufhorchen. Es fragt sich, ob dieses Motto nicht eher die ideologische Matrix für einen Rückzug von Müttern vom Arbeitsmarkt darstellt als eine tatsächliche Wahlfreiheit.
Andererseits ist dieser Ansatz, Rückzug vom Arbeitsmarkt, durch andere Maßnahmen abgefedert, zum Beispiel durch den geplanten weiteren Ausbau von Krippenplätzen oder der Schaffung von so genannten ‘gardes urgences’, einer Notfallbetreuung für Kleinkinder früh am morgen und spät abends. Es kann also nicht davon gesprochen werden, dass die französische Familienpolitik zum Leitbild der Hausfrau und Mutter zurückkehrt.
Zu übersehen ist allerdings nicht, dass seit 2004 die Ressourcen stärker als zuvor in monetäre Transfers statt in Strukturen, in privat organisierte Betreuungsformen statt in kollektive Erzie-hung fließen, und dass gleichzeitig das Bild der „selbsterziehenden Mutter“ gestärkt wird. Inwie-weit sich diese Neuorientierungen auf Kosten einer Förderung der ‘couples bi-actifs’ durch-setzen oder ob diese Weichenstellung tatsächlichen gesellschaftlichen Bedürfnissen nach mehr „Familienzeit“ entgegenkommt, bleibt abzuwarten.

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