Rede von Catherine Colonna anlässlich der 2. Jahreskonferenz der deutschen und französischen Organisationen aus Wirtschaft und Gesellschaft (18. Januar 2007)

Es ist für mich eine Freude, Sie zur Eröffnung dieser zweiten Jahreskonferenz der deutschen und französischen Organisationen aus Wirtschaft und Gesellschaft begrüßen zu dürfen, die der Zukunft der Jugendlichen in Deutschland und Frankreich gewidmet ist. So werden Sie sich mit wichtigen Themen befassen, die in unseren beiden Ländern im Mittelpunkt des politischen und sozialen Tagesgeschehen stehen. Dies war der Wunsch, den die höchsten Stellen unserer beiden Länder in der Erklärung zum 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Élysée-Vertrags zum Ausdruck gebracht hatten.
Nach der ersten Konferenz im Jahre 2005 zu dem ebenfalls sehr aktuellen Thema „Wettbewerbsfähigkeit und Innovation“ zeugt das Thema dieser Zusammenkunft von der Vitalität der Arbeiten dieser Institutionen, die beiderseits des Rheins mit den Fragen und Debatten zu den aktuellsten gesellschaftlichen Themen in enger Tuchfühlung stehen. Dieser Wille Deutschlands und Frankreichs, sich mit der Frage der Jugendlichen und der Problematik der Integration und der Chancengleichheit, die durch die Einleitung eines solch ehrgeizigen Prozesses ihren Niederschlag findet, zu befassen, ist ein weiterer Beleg für die Vitalität der Beziehungen zwischen unseren beiden Gesellschaften und der Zusammenarbeit zwischen unseren beiden Ländern.

Denn mit dieser Initiative, die auf dem Deutsch-Französischen Ministerrat vom 14. März 2006 von der Bundeskanzlerin und dem Präsidenten der Republik ergriffen wurde und die ich gemeinsam mit meinem Amtskollegen Herrn Gloser sowie den Staatsministern für Chancengleichheit, Frau Böhmer und Herrn Begag, koordiniere, mobilisieren sich Deutschland und Frankreich, damit unsere Jugendlichen in beruflicher, sozialer und kultureller Hinsicht sichere Zukunftsperspektiven erhalten und sich persönlich entfalten können. Auf diese Weise setzen sich unsere beiden Länder für die Achtung der Vielfalt in allen ihren Formen und den Respekt des anderen ein.

Ziel dieser Initiative ist es auch, dazu beizutragen, dass der Europagedanke bei den jüngeren Generationen einen neuen Impuls erhält. Denn angesichts der Schwierigkeiten, welche die Europäische Union derzeit kennt, und der Fragen der Bürger zur Zukunft der Union hat die Intensivierung unserer Bemühungen gegenüber den Jugendlichen mittels einer koordinierten Mobilisierung der nationalen und europäischen Politiken absolute Priorität.

Für diesen Prozess wurde bereits ein Rahmen geschaffen. Durch das vom Deutsch-Französischen Institut Ludwigsburg im Juli veranstaltete Forum über gute Praxisbeispiele im Bereich der Integration und Chancengleichheit konnte ein dauerhafter Diskussions- und Konsultationsprozess in Gang gesetzt werden und eine Vielzahl lokaler, nationaler und bilateraler Akteure miteinander in Kontakt treten. Eine zweite wichtige Etappe war die Begegnung der Bundeskanzlerin und des Präsidenten der Republik mit Jugendlichen anlässlich des Deutsch-Französischen Ministerrats vom 12. Oktober 2006. Bei dieser Gelegenheit übergaben diese Jugendlichen ihnen einen Bericht mit konkreten Ansätzen für Maßnahmen, der unter der Federführung des DFJW erarbeitet worden war.

Von Anbeginn war uns daran gelegen, diesen Dialog auf eine möglichst breite Basis zu stellen und von der lokalen bis zur europäischen Ebene eine möglichst vielfältige Palette von Akteuren, die sich in unseren beiden Ländern für die Förderung der Chancengleichheit engagieren, zur Mitwirkung zu bewegen. Seit ihrer Ergreifung auf dem Ministerrat vom 14. März ist diese Initiative in dieser Hinsicht ein Erfolg, da zahlreiche Akteure der Zivilgesellschaft dieser Aufforderung nachgekommen sind. Neben der Initiative der Organisationen aus Wirtschaft und Gesellschaft unserer beiden Länder möchte ich unter anderem hinweisen auf das 15. Évian-Treffen deutscher und französischer Unternehmerinnen und Unternehmer im September 2006, bei dem das Thema Chancengleichheit angesprochen wurde, oder auf die Begegnung der deutsch-französischen Parlamentariergruppe von Bundestag und Nationalversammlung und der Freundschaftsgruppe von Bundesrat Senat im Oktober 2006.

Integration und Chancengleichheit wird auch 2007 eines der beherrschenden Themen sein. Die Vorlage des Berichts, mit dessen Abfassung das Deutsch-Französische Institut Ludwigsburg beauftragt wurde und der eine Bestandsaufnahme der bisher durchgeführten Initiativen enthält, wird einen der Höhepunkte des Deutsch-Französischen Tages am 23. Januar darstellen. Deutschland hat auch das Thema Integration und Chancengleichheit zu einer seiner Prioritäten während seines EU-Vorsitzes in den ersten sechs Monaten dieses Jahres erhoben, das im Übrigen zum „Europäischen Jahr der Chancengleichheit für alle“ erklärt worden ist. Zahlreiche Veranstaltungen unter Mitwirkung unserer europäischen Partner, die mit ähnlichen Problemen konfrontiert sind, werden den Dialog zwischen unseren beiden Ländern fortsetzen.

So hat Deutschland, das einen Beitrag zur Debatte über das soziale Europa leisten wird, für seinen Ratsvorsitz bereits mehrere wichtige Veranstaltungen in Form von Konferenzen geplant, insbesondere im Juni eine Konferenz über die Integration von Menschen mit Behinderungen im Rahmen des Europäischen Jahres der Chancengleichheit. Außerdem wird Deutschland gewiss mehrere Projekte weiter befördern: Einrichtung eines Europäischen Gleichstellungsinstituts; Einbeziehung der Problematik der Beschäftigung benachteiligter Personengruppen in die Beschäftigungsstrategien; Initiativen zur Integration und Qualifizierung von Frauen mit Migrationshintergrund; Umsetzung der Roadmap für die Gleichstellung von Frauen und Männern 2006-2010.

Die Umsetzung der Initiative „Integration und Chancengleichheit“ stellt eine Herausforderung dar sowohl aufgrund der Reichhaltigkeit dieses Themas, das alle aktuellen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Fragen (Bildung, Sport, Kultur, Stadtplanung, Beschäftigung) gleichermaßen betrifft, wie auch wegen der Unterschiede, die zwischen unseren beiden Ländern bestehen. Aus dieser Vielfalt wollen wir durch den Austausch von Ideen auf der Grundlage unserer nationalen Erfahrungen die notwendige Kraft schöpfen, um dieses Projekt erfolgreich umzusetzen.

Die Themen dieses Kolloquiums – Platz der Schule und der Berufsausbildung, Eintritt der Jugendlichen ins Erwerbsleben – stehen im Mittelpunkt der Diskussionen und Belange in unseren beiden Ländern. Mithin ist es überaus wichtig, dass wir uns mit den Erfolgen des Partnerlandes in diesem Bereich beschäftigen, um unsere eigenen Maßnahmen zu bereichern. So könnte Frankreich sein Augenmerk auf die Lehrlingsausbildung in Deutschland richten, die den Jugendlichen eine reichhaltige Erfahrung und zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten bietet. Desgleichen könnten die französischen Maßnahmen zur Öffnung der Exzellenzbereiche für die Rekrutierung von Jugendlichen aus benachteiligten Bevölkerungsgruppen unseren Partnern als Anregung dienen. Derartige Überlegungen werden eine Ausweitung der Aktionen ermöglichen, die auf europäischer Ebene im Rahmen des „Europas der Projekte“ bereits durchgeführt werden. In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass die gemeinsamen Bemühungen Deutschlands und Frankreichs bei den Verhandlungen über die Finanzielle Vorausschau 2007-2013 zu einem signifikanten Anstieg der Anzahl der Leonardo-/Erasmus-Stipendien geführt haben.

Danken möchte ich abschließend den Teilnehmern, die heute so zahlreich gekommen sind und deren Qualität und Vielfalt ich meine Anerkennung ausspreche. Diese Konferenz wird – davon bin ich überzeugt – den Beweis erbringen, dass sich Deutschland und Frankreich ohne Wenn und Aber für konkrete politische Maßnahmen zugunsten der europäischen Jugendlichen einsetzen.

Druckversion